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Kleinwasserkraftwerk Trumau

Eine persönliche Vorgeschichte

Als ich, Gideon Loudon, Anfang 2021 meinem damals 97-jährigen Großvater erzählte, dass ich dabei war, ein Kleinwasserkraftwerk in Trumau zu kaufen, dachte er kurz nach und meinte: „Mit Werkskanal? Diese Verträge hat damals mein [also sein] Großvater gemacht!“. Wenn das wahr ist – und ich fand bis jetzt nichts, das mich von Gegenteil überzeugte –, sitze ich jetzt in einem Gebäude, bei dessen Errichtung mein Ururgroßvater juristischen Beistand geleistet hat – irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Dass ich vor keinem architektonischen Neubau stand, war mir von Anfang an klar; es war der historische Zweckbau, der mich begeisterte. Ich war auf der Suche nach einem neuen Zuhause und schnell war mir klar, dass Trumau mein nächster Lebensabschnitt werden würde.

Schwieriges Vokabellernen

Mein Vorgänger und mittlerweile Mentor in Sachen Wasserkraft, Karl-Heinz Müller, nahm sich aufopferungsvoll Zeit, mich in die Geheimnisse der Wasserkraft einzuführen. Jemandem, der kaum ohne ein Blutbad anzurichten eine Glühbirne einschrauben kann, die Kunst des Kraftwerksbetreibens beizubringen, ist keine leichte Aufgabe!

Etwas Besonderes an diesem Kraftwerk ist, dass das Wasser zwar durch den Werkskanal kommt, gleichzeitig aber keinen offensichtlichen Abfluss hat. So kam ich damals erstmals in den Genuss, den unterirdischen Unterwerkskanal unter Trumau zu besichtigen, der 800 Meter lang, weit über hundert Jahre alt und noch immer in einem sehr guten Zustand ist – zum Glück. Besonders die Fallhöhe von 9,2 Metern, die, wie ich von Herrn Müller gelernt habe, im flachen Wiener Becken nicht oft zu finden ist, hat mich beeindruckt.

© Gideon Loudon

Das Bedienen eines altmodischen Wasserkraftwerkes hat etwas Mystisches. Wenn alles so läuft wie es soll, ist das fast schon ein Wunder der Technik. Der Anfahrtsautomatik zuzuschauen, wie sie sich den 50 Hertz nähert und mit einem lauten, erschreckenden Knall ans Netz geht, ist noch immer so aufregend wie am ersten Tag. Wenn aber etwas nicht funktioniert, werden Hebel bewegt und Räder gedreht. Mit viel Gefühl und stillen Gebeten gelingt es meist, die alte Dame wieder ans Netz zu bekommen. Schauder laufen mir bei der Vorstellung über den Rücken, vor einem Bildschirm zu sitzen und mich mit komplexen, digitalen Menüs herumplagen zu müssen, um die Turbine hochzufahren – da sind mir ein paar ölverschmierte Hände deutlich lieber! Dennoch wird wohl die Modernisierung der Technik in den nächsten Jahren notwendig – und auch das werde ich irgendwie zu bedienen lernen. Lange habe ich gebraucht, um mich mit KV, Hertz, m3/s und Klappenöffungsprozenten anzufreunden. Besonders mit cosϕ verbindet mich eine gewisse Hassliebe, was auch an dem außergewöhnlich sensiblen Leistungsfaktorregler liegen könnte und nicht nur an meinem physikalischen Unwissen.

Vom Spinnen zum Strom

Wie in vielen Orten in der Gegend gab es auch in Trumau eine Spinnerei. Bei jener, die einst um das Kraftwerk herum entstanden war, wurden die Maschinen über Riemen angetrieben, welche anschließend von einer Welle und großen Holzrädern, über die das Wasser des Werkskanals lief, in Bewegung gesetzt wurden. Diese Spinnerei gibt es heute nicht mehr und leider sind davon auch nur mehr zwei Gebäude in Trumau übrig geblieben: das ehemalige Verwaltungsgebäude und „mein“ Kraftwerk. Im Jahr 1916 wurde statt der Holzräder eine Francis- Turbine mit liegender Welle der Firma „J.M. Voith Maschinenfabrik und Gießerei in St. Pölten“ im Keller des Gebäudes installiert. Diese Turbine mit einer Leistung von 211kW leistet noch heute brav ihre Dienste – auch weil sie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder generalsaniert wurde. Der Hitzinger Generator mit 200kVA wurde im Jahr 1988 eingebaut und ist mittels Getriebe mit der Turbine verbunden. Über die Jahre wurde das Kraftwerk von den damaligen Eigentümern immer wieder saniert und moderat modernisiert.

© Gideon Loudon

Ganz absichtlich habe ich mich entschieden, die analogen Anzeigen beizubehalten und die Steuerung (noch) nicht ins Internetzeitalter zu katapultieren. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist ein GSM-Modul, das mich tatsächlich am Handy anruft und in tiefer, unheilvoller Stimme verkündet: „Kraftwerk ist vom Netz“. Das Wasser, das den Werkskanal speist, ist die Triesting. Im Süden von Trumau wurde dafür das „Rote Wehr“ errichtet, um den Einlauf in den Werkskanal zu regeln. Dieses Wehr musste nach einem zerstörerischen Hochwasser neu errichtet werden und im Jahre 2013 hat mein Vorgänger, gemeinsam mit den weiteren Wasserberechtigten (Wien Energie, Gemeinde Trumau und Gemeindeabwasserverband Trumau – Schönau) eine Fischaufstiegshilfe errichten lassen.