Kategorie

Beitrag teilen

Kulturlandschaften

Landschaft ist kein starres Konzept. Landschaft ist ständige Veränderung, v.a. durch Wind, Wasser und Feuer. Auch der Mensch verändert die Landschaft, in der er lebt – ob er will oder nicht. Durch den Menschen absichtsvoll gestaltete Landschaften nennen wir Kulturlandschaften, auch wenn mit dem Begriff verschiedenes gemeint sein kann. Es hat es eingebürgert, zwischen Natur- und Kulturlandschaften zu unterscheiden.

Jedoch ist der Begriff Landschaft, egal ob Kultur- oder Naturlandschaft, immer an die menschliche Wahrnehmung gebunden ist. Die Wahrnehmungstheorie und die Wahrnehmungsgeschichte liefern hier spannende Einsichten über Vorstellungen und mentale Konstrukte. Hinzu kommt der menschliche Wunsch nach Bedeutungen und Symbolen, die sich gerne in der Natur finden lassen, und aus denen sich Mythen und Rituale bilden. Auch hier gilt: das Recht auf die Deutungshoheit nimmt der Mensch zu sich.

Alles, was über Natur und Kultur gesagt oder geschrieben wird, wird von Menschen gedacht, gesagt und geschrieben. Damit setzen wir uns über alle und alles, wir fühlen uns als Entscheider, Gestalter und Bestimmer. Der Mensch ist der Schauende, das Subjekt, die Natur wird beschaut und damit Objekt. Vielleicht täte an der einen oder anderen Stelle etwas Demut gut, etwas sich zurücknehmen, beobachten, zuhören und mehr spüren als denken. Inspirieren können hier Texte von Anthropolog*innen wie Philippe Descola, Natassja Martin oder Baptiste Morizot sowie die von Husserl geprägte Phänomenologie.

Wasserkraft in der Landschaft

Auf der Webseite des Umweltministeriums von Baden-Württemberg ist zu lesen „Kulturlandschaften sind Nutzlandschaften. Der Mensch hat die Natur im Rahmen seiner Notwendigkeiten und gegebenen Möglichkeiten geformt. Aus einer Naturlandschaft wurde eine Kulturlandschaft. Dabei gab und gibt es keinen Stillstand.“

Und wie oben erwähnt gibt es auch in der Naturlandschaft keinen Stillstand – mit positiven Folgen für die Biodiversität.

In unterschiedlich geprägten Naturräumen können sich vielfältige Lebensräume für verschiedene Tier- und Pflanzenarten entwickeln und die Artenvielfalt erhöht sich. Dabei werden viele neue Abhängigkeiten und Wechselwirkungen geschaffen. Die Natur passt sich an, findet ihre Wege in den von außen auferlegten Veränderungen. Prozessdynamik ist das Zauberwort. In einer gleichförmigen Landschaft wäre die Vielfalt des Lebens geringer.

Die Nutzung der Wasserkraft ist eine Form von absichtsvoller Veränderung der Landschaft. Wasserbetriebene Stein-, Mehl- oder Ölmühlen haben viele Jahrhunderte lang Baumaterial geliefert bzw. für Nahrung gesorgt. Heute wird an einigen dieser Standorte Strom produziert, der unser Klima nicht schädigt, da er keine schädlichen Abgase ausstößt und der auch sonst keinen Abfall produziert. Wasserkraftturbinen haben – bei pfleglicher Behandlung – eine Lebensdauer von über 100 Jahren.

Die Wasserkraft ist Teil der heutigen (Kultur-)Landschaft. Sie schmiegt sich ins Landschaftsbild, ob inner- oder außerorts, und liefert Strom für die Menschen dieser Landschaft.

In Zeiten des Klimawandels sind erneuerbare Energien nicht mehr Kür, sondern Pflicht. Als Menschheit sind wir auf die Nutzung der Natur angewiesen, die Frage ist nur, wie wir sie nutzen möchten. Wenn wir weiter klimaschädliche Kohle und Gas verheizen, wird sich die Landschaft bzw. die Welt auch verändern. Klimakatastrophen, Dürren, Fluten und unbeherrschbare Feuer werden zunehmen und Klimafolgen für Landschaft und Menschen zur existentiellen Bedrohung. Der Mensch als Goethes Zauberlehrling, dem die Sache entgleitet. Wir schaffen über den menschengemachten Klimawandel nicht beabsichtigt auch Kulturlandschaften.

Und ja, die Natur wird auch hier irgendwann ihre Nische finden, davon können wir ausgehen. Wir brauchen die Natur, sie braucht uns nicht. Wir dürfen die Resilienz-Kompetenz der Natur nicht unterschätzen, es ist in ihr angelegt sich weiterzuentwickeln.

Die Idee eines „ursprünglichen Zustands“ der Natur, den wir wiederherstellen wollen, ist eine zutiefst menschliche. Im Kern jedoch ist der ursprüngliche Zustand der Natur: die Fähigkeit zur Veränderung.

Inwiefern wir Menschen (ja, auch wir sind Natur, auch wenn wir es mehr und mehr zu vergessen scheinen) zu Veränderung in der Lage sind und lernen, uns aus alten Denk- und Verhaltensmustern zu lösen, um in eine neue nachhaltige Kulturform einzutauchen, bleibt wohl abzuwarten – hoffentlich nicht mehr allzu lange.