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Kompetenz statt Klischee

Eine andere Perspektive auf die Energiewende

Die globale Energiewende ist weit mehr als ein technologischer Umbruch. Sie ist auch ein sozialer Wandel, der über die Verteilung von Chancen, Verantwortung und Gestaltungsmacht entscheidet. Doch während über Turbinenwirkungsgrade, Netzstabilität und Investitionskosten intensiv diskutiert wird, bleibt ein Aspekt oft unterbelichtet: die Rolle der Frauen in dieser Transformation.

Ein neuer Bericht der IRENA liefert hierzu eine umfassende Bestandsaufnahme – und ein ernüchterndes, wenn auch nicht hoffnungsloses Bild. Demnach liegt der Frauenanteil in der weltweiten Erneuerbaren-Branche bei 32%. Das ist zwar höher als in der Öl- und Gasindustrie (23%) oder im Nuklearsektor (25%), bleibt aber deutlich hinter dem globalen Durchschnitt der Erwerbstätigen von rund 43% zurück. Die Ergebnisse stammen aus der globalen IRENA-Genderbefragung, an der mehr als 11.000 Fachkräfte sowie über 1.200 Organisationen aus dem Energiesektor teilnahmen – eine breite Datengrundlage, die sowohl individuelle Erfahrungen als auch institutionelle Strukturen sichtbar macht.

Die Branche zwischen Fortschritt und Gewohnheit

Die Daten zeigen, dass sich das Muster der Geschlechterverteilung in erstaunlicher Beharrlichkeit über Länder und Technologien hinweg wiederholt. Frauen sind vor allem in administrativen Tätigkeiten stark vertreten. Dort stellen sie im Durchschnitt 45% der Beschäftigten. In technischen Berufen, insbesondere in den sogenannten STEM-Bereichen (Science, Technology, Engineering, Mathematics), liegt ihr Anteil dagegen bei 28%. In Führungspositionen fällt er noch weiter auf 19%.

Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Aufbruch in eine nachhaltige Energiezukunft noch immer in traditionellen Strukturen stattfindet. Wo es um Management, Ingenieurwesen oder politische Entscheidungsprozesse geht, bleiben Männer deutlich stärker vertreten. Selbst in einer Branche, die sich gerne als zukunftsorientiert und innovativ versteht, ist das Verhältnis zwischen technischer Kompetenz und Geschlechtergerechtigkeit bislang unausgewogen.

Bemerkenswert ist ebenfalls, dass die Unterschiede zwischen Regionen nur gering ausfallen. In Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum liegt der Frauenanteil in der erneuerbaren Branche mit rund 33% leicht über dem globalen Durchschnitt, während Europa und Nordamerika mit etwa 27% zurückfallen. Das Problem ist also kein regionales, sondern ein strukturelles – und es betrifft nahezu alle Länder gleichermaßen.

Barrieren mit System

Die Gründe für die Unterrepräsentation von Frauen sind komplex und vielschichtig. IRENA unterscheidet drei Hauptkategorien: betriebliche, gesellschaftliche und bildungsbezogene Barrieren.

An erster Stelle stehen geschlechtsspezifische Strukturen am Arbeitsplatz. Dazu zählen ein Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten, unzureichende Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die geringe Präsenz weiblicher Vorbilder in Führungspositionen sowie subtil wirkende Vorurteile bei der Aufgabenverteilung. Rund 45% der befragten Frauen gaben an, schon einmal Diskriminierung oder Benachteiligung erlebt zu haben – sei es durch fehlende Anerkennung ihrer Fachkenntnis oder durch unangemessene Kommentare im Arbeitsumfeld. Gesellschaftliche Faktoren wirken zusätzlich hemmend. Nach wie vor prägen stereotype Erwartungen das Berufsbild. Technik gilt vielerorts als männlich, Empathie und Organisationstalent als weiblich. Diese Zuschreibungen beginnen früh – oft schon in der Schulzeit – und beeinflussen somit Studien- und Berufswahl nachhaltig.

Schließlich bestehen akademische Hürden. Frauen sind in technischen Ausbildungen weiterhin unterrepräsentiert, obwohl sie in vielen Ländern in der höheren Bildung mittlerweile die Mehrheit der Studierenden stellen. Der Übergang von Ausbildung in die berufliche Praxis bleibt jedoch häufig ein kritischer Punkt. Mentoring, gezielte Netzwerke und Weiterbildungsprogramme fehlen oder erreichen nicht jene, die sie am meisten benötigen. Umso schöner, dass sich das Wasserkraft.Frauen.Netzwerk im deutschsprachigen Raum genau um solche Themen bemüht!

Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt zu einem Phänomen, das IRENA als „Leaky Pipeline“ beschreibt – eine undichte Leitung, durch die Frauen an verschiedenen Stationen ihrer beruflichen Entwicklung verloren gehen.

Alltagserfahrungen und Wahrnehmung

Wie tief solche Strukturen verankert sind, zeigt sich oft in alltäglichen Situationen. So kommt es auch heute noch vor, dass fachkundige Frauen bei Tagungen oder technischen Exkursionen zunächst für organisatorisches Personal gehalten werden. Erst wenn sie inhaltlich in Diskussionen einsteigen oder gezielte Fragen stellen, weicht der anfängliche Irrtum einer Mischung aus Überraschung und Verlegenheit.

 Solche Reaktionen sind selten böswillig, aber symptomatisch. Sie verdeutlichen, dass die Wahrnehmung technischer Kompetenz häufig noch geschlechtlich gefärbt ist. Kommentare über das Auftreten oder Aussehen gehören dabei ebenso zum unausgesprochenen Repertoire wie die implizite Annahme, eine Frau sei eher für Koordination als für Konstruktion zuständig. Derartige Erfahrungen sind keine Einzelfälle, sondern Hinweise darauf, dass Gleichstellung nicht nur eine Frage des Problembewusstseins, sondern auch von Kultur ist.

Positive Beispiel und Lernfelder

Trotz dieser Herausforderungen gibt es erfreuliche Entwicklungen. Besonders kleinere Unternehmen, kommunale Versorger und Nichtregierungsorganisationen weisen laut IRENA überdurchschnittlich hohe Frauenanteile auf, teils bis zu 48%. Offenbar spielt die Unternehmenskultur eine entscheidendere Rolle als die Technologie selbst. Dort, wo Strukturen flacher, Kommunikationswege direkter und Arbeitsmodelle flexibler sind, gelingt die Integration von Frauen in technische und leitende Funktionen deutlich besser.

Auch in der Wasserkraft lässt sich dieser Trend beobachten. Immer mehr Ingenieurinnen, Projektleiterinnen und Wissenschaftlerinnen prägen die Branche mit, bringen neue Perspektiven ein und fördern eine Arbeitskultur, die auf Zusammenarbeit setzt. Studien zeigen, dass divers zusammengesetzte Teams innovativer agieren, Probleme breiter analysieren und effizientere Lösungen entwickeln. Vielfalt ist somit nicht nur eine soziale, sondern auch eine ökonomische Stärke.

Wege zu mehr Gleichstellung

Die Empfehlungen des IRENA-Berichts sind klar und praxisnah. Auf politischer Ebene sind gesetzliche Rahmenbedingungen entscheidend: Gleichstellungsgesetze, gleiche Bezahlung, Schutz vor Diskriminierung und gezielte Förderprogramme für Frauen in technischen Berufen. Unternehmen wiederum sollten transparente Lohnstrukturen schaffen, Mentoring-Programme fördern und flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, die auch in technischen Bereichen praktikabel sind.

Darüber hinaus braucht es Bewusstseinsarbeit. Gleichstellung darf nicht als Zusatzaufgabe betrachtet werden, sondern als Bestandteil betrieblicher Effizienz und Innovationsfähigkeit. Ein Unternehmen, das Frauen systematisch einbindet, nutzt das gesamte Potenzial seiner Fachkräfte. Das ist in Zeiten von Fachkräftemangel kein idealistisches, sondern ein wirtschaftliches Argument.

Fazit

Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt – technologisch, ökologisch und gesellschaftlich. Damit sie gelingt, müssen alle verfügbaren Talente eingebunden werden. Gleichstellung in der Energiebranche bedeutet nicht, Quoten zu erfüllen oder Symbolpolitik zu betreiben. Sie bedeutet, die Qualität von Entscheidungen zu verbessern, den Innovationsgrad zu erhöhen und die Energiewende auf ein breiteres Fundament zu stellen. Und davon profitieren alle, Frauen wie Männer, Unternehmen wie Gesellschaft.