Fremde Arten in heimischen Gewässern
Von Neobiota spricht man, wenn Lebewesen durch den Einfluss des Menschen in ein Gebiet gelangen, in welchem sie natürlicherweise nicht vorkamen. Die Grenze, ab wann eine Art heimisch war, zieht man in der Wissenschaft bei der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus im Jahr 1492. Grundsätzlich kann die Einfuhr einer Art gewollt als auch ungewollt geschehen. So werden Nutzpflanzen für landwirtschaftliche Zwecke gezielt importiert, um Erträge zu steigern oder auch um die Bekämpfung von Schädlingen mithilfe eingeführter Arten zu verbessern. Ein Beispiel dafür war die Einfuhr von Mais und Kartoffeln oder die gezielte Ansiedelung des asiatischen Marienkäfers. Doch auch unbeabsichtigt können verschiedene Tiere oder Pflanzen als „blinde Passagiere“ durch globalen Handel, Schifffahrt oder Tourismus in neue Gebiete vordringen. Neobiota werden in drei Kategorien klassifiziert, die Neozoen (Tiere), Neophyten (Pflanzen) und Neomyzeten (Pilze).
Klimawandel und Landnutzung
Die Universität Wien stellte fest, dass die Anzahl der Neophyten in den letzten 20 Jahren um fast die Hälfte zugenommen hat. Eine aktualisierte Übersicht aller gebietsfremden Pflanzenarten hat ergeben, dass seit dem Jahr 2002 zusätzlich 549 gebietsfremde Arten neu dazugekommen sind. Auch an der Universität für Bodenkultur betont man, dass sich ein solcher Anstieg in den vergangenen Jahren beschleunigt hat. Grund dafür ist der Klimawandel und die menschliche Landnutzung. Gerade die steigenden Durchschnittstemperaturen, laut Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft in Österreich zuletzt um 3,1° Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit, verschieben die biologischen Grenzen stark. Mildere Winter, verschobene Vegetationsperioden und Vorteile für Generalisten (Arten, die unter vielen verschiedenen Umweltbedingungen überleben können) bieten ideale Bedingungen für invasive Arten, welche mit höheren Temperaturen besser umgehen können. Wenn heimische Arten durch Dürre oder Hitze unter Stress geraten, nutzen anpassungsfähige Neophyten wie der Götterbaum (ein ursprünglich aus Asien stammender Laubbaum) die Lücke aus. Intakte Ökosysteme sind meist sehr widerstandsfähig gegenüber Eindringlingen. Durch menschliche Landnutzung wird dieser natürliche Schutz jedoch geschwächt. Vor allem gestörte Ökosysteme sind eine Einladung für Neobiota. Die Lebensraumfragmentierung durch Straßen, Siedlungen und Monokulturen sowie intensive Land- und Forstwirtschaft schwächt die lokale Flora und Fauna. Gerade entlang von Transportwegen entstehen „Invasionskorridore“ und Samen sowie kleine Tiere können über weite Strecken wandern, ohne auf unpassierbare Wälder zu stoßen. Invasive Arten können daher teilweise auch als Indikatoren für den Fortschritt des Klimawandels herangezogen werden.
Neobiota an und in Gewässern
In Gewässern spielt Biodiversität eine wichtige Rolle – gleichzeitig zählen sie zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen. Fließgewässer dienen ebenfalls als Ausbreitungskorridore für jegliche Tier- und Pflanzenarten. Diese verbreiten sich nicht nur im Wasser selbst, sondern auch in den Uferbereichen. Die aus Nordamerika stammende Bisamratte wurde vor über hundert Jahren in Böhmen angesiedelt, von wo aus sie sich schnell in ganz Europa ausbreitete. Sie wird nicht nur gefürchtet, weil sie Ufer und Dämme unterminiert, sondern weil sie bedrohte Arten, wie die Flussperlmuschel oder die Bachmuschel, in großem Stil frisst. Ein aus Südamerika stammender Nager namens Nutria nutzt die milden Winter, um weiter nach Österreich vorzudringen. Auch der Waschbär und der Mink (ein Nerz) sind auf dem Vormarsch und werden vermutlich bald für Naturschutzregelungen relevant sein. Die in Afrika heimische Nilgans ist mittlerweile in Vorarlberg zuhause und vertreibt durch ihr territoriales Brutverhalten mittlerweile sogar Bussarde und Habichte von ihren Horsten und ist gleichzeitig Überträgerin der Vogelpest.

Gewässer dienen auch invasiven Pflanzenarten als Ausbreitungsweg. Besonders problematisch sind dabei das Drüsige Springkraut und Knöterich-Arten. Sie bilden an Ufern und in Wäldern dichte Bestände, welche heimische Pflanzen verdrängen und Uferböschungen instabil machen. Besonders gefährlich ist der Riesenbärenklau, da sein Saft bei Sonnenlicht zu schweren Hautverbrennungen führen kann und nur von Expert*innen mit Schutzkleidung entfernt werden sollte. Auch die Kanada- & Riesengoldrute (ursprünglich als Garten- und Bienenpflanzen aus Nordamerika eingeführt) gehören mittlerweile zu den am weitesten verbreiteten Neophyten.
Auch unter der Wasseroberfläche breiten sich invasive Arten wie der Blaubandbärbling, Sonnenbarsch und Katzenwels stark aus und konkurrieren mit einheimischen Lebewesen um Nahrung und Lebensraum oder jagen diese sogar direkt. Invasive Flusskrebse und Muscheln haben weitreichende Auswirkungen, etwa durch die Übertragung von Krankheiten, die Veränderung von Ökosystemen oder sogar Schäden an technischen Anlagen. So siedeln sie sich gerne massenhaft auf harten Oberflächen an und verstopfen damit Rohre, Rechen, Turbinengehäuse oder Filteranlagen. Invasive Flusskrebse können durch ihre Grabtätigkeiten Ufer, Dämme und Böschungen destabilisieren, was langfristig auch wasserbauliche Strukturen gefährden kann. Insgesamt werden diese Probleme auch an Fließgewässern durch den Klimawandel weiter verstärkt.
Neophyten in Renaturierungsgebieten
Spannend in diesem Kontext ist eine Untersuchung im Rahmen des Life+ Traisen-Projekts in Niederösterreich, welche zeigt, dass Renaturierungsmaßnahmen unerwarteterweise nicht automatisch zu einer höheren Biodiversität führen, sondern kurzfristig auch die Ausbreitung von invasiver Neophyten begünstigen können. Auf 142 Untersuchungsflächen wurde zwischen 2011 und 2014 ein deutlicher Anstieg invasiver Pflanzenarten sowie ein gleichzeitiger Rückgang der Artenvielfalt festgestellt. Besonders problematisch ist, dass bereits vorbereitende Maßnahmen wie Rodungen, Erdbewegungen und die intensive Nutzung von Forstwegen ideale Bedingungen für die Etablierung invasiver Arten schaffen. Diese Störungen fördern die Bildung von Ruderalflächen (offene, nährstoffarme Rohbodenflächen, bestehend aus Sand, Kies und Schutt), auf denen sich konkurrenzstarke Neophyten rasch ausbreiten und heimische Arten verdrängen. Gleichzeitig zeigt die Studie jedoch, dass langfristig eine Wiederherstellung natürlicher Dynamiken, etwa durch regelmäßige Überflutungen, die Etablierung invasiver Arten begrenzen und die Entwicklung standorttypischer Vegetation unterstützen kann.
Fazit
Invasive Arten stellen in Fließgewässern und deren Uferzonen eine wachsende Herausforderung dar, die durch den Klimawandel und menschliche Eingriffe weiter verstärkt wird. Gleichzeitig zeigt sich, dass insbesondere gut geplante und ökologisch begleitete Maßnahmen großes Potenzial bieten, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Auch im Bereich der Kleinwasserkraft können positive Effekte erzielt werden, wenn Projekte mit modernen ökologischen Standards umgesetzt werden: Strukturverbesserungen, die Wiederherstellung naturnaher Dynamiken sowie begleitendes Monitoring tragen dazu bei, die Ausbreitung invasiver Arten einzudämmen und die Biodiversität zu fördern. Wasserkraft kann somit, eingebettet in ein integratives Gewässermanagement, nicht nur zur nachhaltigen Energieversorgung beitragen, sondern auch Impulse für die ökologische Aufwertung und Stabilisierung von Fließgewässerökosystemen liefern.