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Die Wasserkraft im Spagat zwischen Überschwemmung und Dürre

Ein neuer Bericht der World Meterological Organization (WMO) untersucht den Zustand der globalen Wasserressourcen im Jahr 2024. Starke Unregelmäßigkeiten im Wasserkreislauf wurden bereits in den letzten sechs Jahren gemessen – mit steigender Tendenz. Das Ziel des Berichts ist eine Bewertung der weltweiten Verfügbarkeit von Süßwasser, einschließlich Flussläufen, Seen, Grundwasser, Bodenfeuchtigkeit, Schnee und Eis. Ausgewertet wurden globale Messstellen, sowie Informationen aus globalen hydrologischen Modellierungssystemen und Satellitenbeobachtungen. Das vergangene Jahr ist als das heißeste Jahr seit Beginn der Messdaten eingestuft worden. Mit +1.55°C im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter haben die hohen Temperaturen eine deutliche Auswirkung auf den Wasserkreislauf und auf unsere Flusssysteme.

Flüsse aus dem Takt

Diese Auswirkungen zeigen sich deutlich, wenn man sich die Abflussverhältnisse aller Flüsse genauer ansieht. Weltweit wichen bei rund 60% der Einzugsgebiete die Abflussverhältnisse deutlich von den langjährigen Mittelwerten ab, was auf ein gestörtes hydrologisches Gleichgewicht hinweist. Das bedeutet, dass in vielen Regionen entweder wesentlich mehr oder erheblich weniger Wasser in den Flüssen floss als unter normalen klimatischen Bedingungen zu erwarten wäre. In Zentral- und Nordeuropa sowie Teilen Asiens wurden überdurchschnittliche Abflüsse registriert. Diese führten zum Beispiel in Österreich vielerorts zu Hochwasser. Im Gegensatz dazu litten große Teile Südamerikas unter einer historischen Dürre, welche Flüsse wie den Amazonas, den São Francisco und den Paraná auf Rekordtiefs sinken ließ. Auch im südlichen Afrika herrschten vielfach unterdurchschnittliche Durchflüsse, während in Westafrika übervolle Flüsse Überschwemmungen verursachten. Diese globalen Gegensätze verdeutlichen, wie ungleich der Wasserhaushalt der Erde inzwischen reagiert – und das mit spürbaren Folgen für Ökosysteme, Wasserversorgung und Energieproduktion.

Seen und Gletscher im Wandel

Ungleichgewicht wider. Viele große Seen reagierten äußerst sensibel auf die anhaltenden Temperaturrekorde und verschobenen Niederschlagsmuster. In Afrika etwa stiegen die Pegel des Victoriasees und des Tschadsees deutlich, was auf außergewöhnlich starke Regenfälle in den tropischen Regionen zurückzuführen ist. Dagegen verzeichneten Seen im Mittleren Osten, Zentralasien und in Kanada deutlich niedrigere Wasserstände. Besonders auffällig war zudem die Erwärmung der Seeoberflächen: Fast alle der 75 weltweit untersuchten Seen erreichten im Juli überdurchschnittlich hohe Wassertemperaturen.

Die Gletscher zogen sich im selben Jahr massiv zurück. Insgesamt konnte ein globaler Eisverlust von rund 450 Milliarden Tonnen nachgewiesen werden, was einem Meeresspiegelanstieg von etwa 1,2 Millimetern entspricht. Rekordverluste wurden in Skandinavien und in Nordasien gemessen. Selbst Hochgebirgsgletscher in den Anden und im Himalaya schmolzen überdurchschnittlich stark, vielerorts ohne nennenswerte Winterniederschläge. Viele kleinere Gebirgsgletscher haben laut WMO inzwischen den Punkt des „Peak Water“ überschritten – jenen Kipppunkt, an dem sie zwar noch Wasser liefern, ihre Schmelzraten aber nicht mehr zunehmen. Damit geht der Welt ein langfristig bedeutender Süßwasserspeicher verloren, der in vielen Regionen bislang Flüsse und Wasserkraftanlagen in Trockenzeiten speiste.

Weltweite Abflussbedingungen von Flüssen 2024, State of Global Water Resources 2024, WMO

Zu viel, zu wenig, zur falschen Zeit

Die Vielzahl an Überschwemmungen im Jahr 2024 in Europa ist Vielen noch lebhaft in Erinnerung – insbesondere jene in Österreich. Laut dem WMO-Bericht erreichten die Überschwemmungen in Europa eine Ausdehnung, wie sie zuletzt 2013 beobachtet wurde: Rund ein Drittel des europäischen Flussnetzes überschritt im Laufe des Jahres die Schwelle für „hohe Hochwasserstände“. Die WMO definiert diese als ein Ereignis, das statistisch etwa alle fünf Jahre oder seltener auftritt. Besonders betroffen waren Zentral- und Osteuropa, unter anderem Gebiete rund um die Donau, Elbe und Oder, wo anhaltende Niederschläge und mehrere Starkregenereignisse zu weiträumigen Überflutungen führten. Die Fluten verursachten Schäden im Wert von 18 Milliarden Euro für Infrastruktur, Landwirtschaft und Energieanlagen.

Während der Norden Europas mit Wasser geflutet wurde, herrschten im Mittelmeerraum gegenteilige Bedingungen. Spanien, Italien und Griechenland kämpften wiederholt mit Trockenheit, die sich regional zu Dürreperioden ausweitete und die Wasserreserven vieler Stauseen stark belastete. Auch jenseits Europas zeigt sich ein ähnliches Bild. Während in einigen Regionen Afrikas Flüsse über die Ufer traten und ganze Dörfer buchstäblich ertranken, verdorrte der Süden des Kontinents unter brütender Trockenheit. Asien wurde von einer Reihe tropischer Stürme heimgesucht, die in wenigen Tagen mehr Regen brachten als sonst über Monate hinweg fällt. In Südamerika trafen die Gegensätze besonders hart aufeinander: Verheerende Fluten im Süden Brasiliens, Dürre und Wassermangel im Amazonasgebiet. 2024 war ein Jahr, das zeigte, wie unberechenbar und ungleich der globale Wasserkreislauf inzwischen geworden ist. Die Erde gerät zunehmend aus ihrem hydrologischen Gleichgewicht.

Gletscherschmelze, State of Global Water Resources 2024, WMO

Frühwarnsysteme mit künstlicher Intelligenz

Die WMO hat jüngst bekräftigt, dass KI- und Machine- Learning-Technologien künftig eine Schlüsselrolle spielen sollen, um Unwetter, Hochwasser und Trockenperioden frühzeitiger und verlässlicher zu erkennen. Ziel ist, weltweit (besonders in unterversorgten Regionen) den Zugang zu effektiven Frühwarnsystemen zu ermöglichen. KI wird dabei nicht als Ersatz für etablierte meteorologische Verfahren verstanden, sondern als ergänzendes Werkzeug. Sie kann große Datenmengen schneller auswerten, Muster erkennen und Warnungen präziser und breiter verfügbar machen. Für die Wasserkraftbranche bedeutet das: bessere Prognosen über Fluss- und Stauseeverläufe, frühere Hinweise auf Extremabflüsse oder lange Trockenphasen – und damit ein effizienteres Management von Ersatzkapazitäten, Wasserspeichern und Infrastruktur-Sicherheit.

Fazit

Die Extremwetterereignisse 2024 zeigen deutlich, wie unberechenbar der globale Wasserzyklus inzwischen geworden ist und wie stark dies die Wasserkraft global und in Österreich betrifft. KI-gestützte Frühwarnsysteme könnten der Branche bald die Möglichkeit bieten, Flussund Stauseeverläufe präziser zu prognostizieren, Hochwasser und Trockenperioden früher zu erkennen und die Energieproduktion effizienter zu steuern. Damit stärkt die Wasserkraft nicht nur ihre operative Sicherheit, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag zur stabilen, nachhaltigen Energieversorgung in einem zunehmend volatilen Klima.