Mit dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, verfolgt die EU eines der ambitioniertesten Transformationsprogramme weltweit. Der jüngst veröffentlichte IRENAReport „Regional Energy Transition Outlook: European Union (2025)“ zeichnet ein klares Bild: Die Weichen für eine vollständig erneuerbare Energiezukunft sind gestellt. Doch der Fortschritt hinkt den Zielen hinterher. Bis 2030 sollen die Emissionen um mindestens 55% gegenüber 1990 sinken und der Anteil erneuerbarer Energien auf über 42,5% steigen. Der Bericht zeigt jedoch deutliche Umsetzungslücken auf.
Die EU-Energieziele im Detail
Erneuerbare Energien sind entscheidend für die Energiesicherheit Europas. Sie reduzieren die Abhängigkeit von fossilen Importen und schützen vor globalen Preisschwankungen. Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren am Bruttoendenergieverbrauch mindestens 42,5% betragen, mit dem Ziel, diesen Wert anschließend weiter zu steigern. Der Bruttoendenergieverbrauch umfasst die gesamte Energiemenge, die den Endverbraucher*innen zur Verfügung steht, inklusive der Verluste, die bei Umwandlung, Transport und Verteilung von Energie entstehen. Dafür müssten die erneuerbaren Kapazitäten bis 2050 europaweit etwa verfünffacht und die Stromnetze massiv ausgebaut werden. Im Stromsektor sollen bis 2030 rund 70% des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen, 2050 liegt das Ziel bei 90%. Weitere Bestrebungen sind die Erhöhung der Elektrifizierung (der Stromanteil am Endenergieverbrauch soll bis 2030 von 21% auf rund 33% steigen) sowie der Ausbau von Wind und Solarenergie. Die Investitionskosten sind enorm: Laut IRENA sind bis 2050 allein im Stromsektor rund 5,6 Billionen Euro nötig.
Der Zwiespalt von Anspruch und Realität
Der Report zeichnet ein ambivalentes Bild: ehrgeizige Ziele auf dem Papier, aber ein zunehmend schwieriger Weg in der Praxis. Der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten schreitet zwar voran, bleibt jedoch weit hinter dem Tempo zurück, das nötig wäre, um den 1,5-Grad-Pfad einzuhalten. Antònio Guterres, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, stufte das 1,5°-Ziel kurz nach der Veröffentlichung der IRENA Studie öffentlich als gescheitert ein.
Besonders der Netzausbau, Speichertechnologien und die Elektrifizierung der Industrie zeigen großen Nachholbedarf. Ohne gezielte Investitionen droht das europäische Energiesystem an seiner Komplexität zu scheitern – mit steigenden Kosten und wachsender Importabhängigkeit. Frühzeitiges Handeln ist daher nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Wasserkraft im europäischen Energiemix
Mit zunehmender Dezentralisierung des Energiesystems gewinnt die Wasserkraft an strategischer Bedeutung. Lauf-, Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke liefern die Stabilität, die ein wetterabhängiges Energiesystem dringend braucht. Sie gleichen Schwankungen aus, stellen Regelenergie bereit und sichern die Netzfrequenz – Funktionen, die in einem dekarbonisiertem Stromsystem unverzichtbar sind. Moderne Pumpspeicheranlagen fungieren bereits heute als „grüne Batterien“, die überschüssigen Wind- und Solarstrom aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben. Besonders Österreich spielt hier eine Schlüsselrolle: Mit seinem hohen Wasserkraftanteil und seiner geografischen Lage kann das Land als Energiespeicherregion Mitteleuropas dienen. Der IRENA-Report betont, dass Flexibilitätslösungen wie diese entscheidend sind, um die Energiewende bezahlbar und technisch stabil zu gestalten.
Herausforderungen in der EU & Österreich
Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, braucht es jedoch verlässliche Rahmenbedingungen – auf EU-Ebene wie auch national. Lange Genehmigungsverfahren, konkurrierende Interessen im Naturschutz sowie ein Mangel an Netzinfrastruktur bremsen derzeit den notwendigen Ausbau. Gleichzeitig steigen jedoch die Anforderungen. Das Stromsystem wird zunehmend europäisch gedacht, Energieflüsse grenzüberschreitend geplant. Österreich steht somit vor der Aufgabe, seine Kapazitäten besser in das europäische Verbundnetz einzubetten und dabei die Balance zwischen ökologischer Verantwortung und Systemrelevanz zu wahren. Die Transformation des Energiesystems ist nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe. Laut IRENA hat der Übergang zu einem erneuerbaren Energiesystem positive Effekte auf Beschäftigung, Wertschöpfung und Wohlstand. Bis 2050 könnten in der EU Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – in Bau, Betrieb und Wartung von Anlagen, aber auch in Forschung, Digitalisierung und Netzinfrastruktur.
Fazit
Die EU hat die notwendige Richtung eingeschlagen, aber der Weg zur Klimaneutralität bleibt steinig. Zwischen ehrgeizigen Zielen und realer Umsetzung klafft noch immer eine Lücke.
Der IRENA-Report macht deutlich: Jede Verzögerung verteuert die Energiewende. Je später Netze, Speicher und erneuerbare Kapazitäten ausgebaut werden, desto höher werden die langfristigen Kosten – sowohl für die Wirtschaft als auch für Verbraucher*innen. Frühzeitiges Handeln hingegen senkt Risiken, stabilisiert Preise und schafft Planungssicherheit für Industrie und Energieversorger.
Hier liegt die Chance für die Wasserkraft: Österreich verfügt über Know-how, Infrastruktur und geografische Voraussetzungen, um ein verlässlicher Partner der europäischen Energiewende zu sein. Wasserkraft ist längst mehr als reine Stromerzeugung – sie ist Speicher, Regler und Rückgrat eines sicheren und nachhaltigen Energiesystems. Gemeinsam können Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zeigen, wie sich Klimaschutz und Versorgungssicherheit vereinen lassen – für eine Energiezukunft, die auf Stabilität, Nachhaltigkeit und europäische Zusammenarbeit baut.
