Das Emissions Trading System (ETS) der Europäischen Union ist der weltweit erste und größte Emissionsmarkt. Es verpflichtet Emittenten, für ihre Treibhausgasemissionen zu zahlen, wodurch der Anreiz entsteht, die Gesamtemissionen der EU zu senken. Gleichzeitig werden dadurch Einnahmen zur Finanzierung der Energiewende generiert. Im Juli 2026 hat die EU einen Vorschlag für eine Überarbeitung vorgelegt.
Mechanismen des ETS
Das EU-ETS basiert auf dem „Cap-and-Trade“-Prinzip. Die EU definiert eine bestimmte Menge an Treibhausgasen, die maximal ausgestoßen werden darf (Cap). Unternehmen können dann Zertifikate kaufen und mit diesen handeln (Trade). Wer weniger verschmutzt, kann seine übrigen Zertifikate weiterverkaufen – zum Beispiel an Betriebe mit sehr hohen Emissionen.
Diese Obergrenze wird jährlich entsprechend dem Klimaziel der EU gesenkt, wodurch sichergestellt wird, dass auch die Gesamtemissionen der EU im Laufe der Zeit sinken. Seit dem Beginn des ETS im Jahr 2005 wurden Einnahmen in Höhe von 270 Milliarden Euro erzielt, die in Innovation, die Dekarbonisierung der Industrie und die Modernisierung des europäischen Energiesystems reinvestiert wurden. Die Europäische Kommission vermeldete kürzlich eine Halbierung der europäischen Emissionen im Vergleich zu den Werten von 2005.
Die Obergrenze des EU-ETS wird in Emissionszertifikaten ausgedrückt, wobei ein Zertifikat das Recht zur Emission von einer Tonne CO2-Äquivalent gewährt. Die Zertifikate werden in Auktionen verkauft und können gehandelt werden. Mit sinkender Obergrenze verringert sich das Angebot an Zertifikaten auf dem EU-Kohlenstoffmarkt. Unternehmen müssen ihre Emissionen jährlich überwachen und melden sowie genügend Zertifikate erwerben, um ihren jährlichen Emissionsausstoß vollständig abzudecken. Werden diese Anforderungen nicht erfüllt, werden Geldstrafen verhängt.
Der Preis für ein Zertifikat hat sich seit Beginn stark verändert: Im Jahr 2008 lag er bei rund 25 Euro, und fiel dann nach und nach bis in den einstelligen Bereich ab. Erst Ende 2017 begann er zu steigen. Den Höhepunkt erreichte er im August 2022, wo ein Zertifikat knapp 100 Euro kostete. Aktuell (August 2026) müssen Unternehmen für ein Emissionszertifikat etwa 80 Euro bezahlen.
Das ETS reagiert, wie andere Weltmärkte, sensibel auf politische Ereignisse. So führte ein öffentlicher Kommentar des deutschen Kanzlers Friedrich Merz dazu, dass im Februar 2026 der CO2-Preis einstürzte, nachdem er die Wirksamkeit des Handelssystems hinterfragte.

Der Reformvorschlag
Das ETS wurde von Beginn an immer wieder weiterentwickelt, reformiert und an den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung und der EU-Klimaziele angepasst. So auch jetzt. Als Anlass für den im Juli 2026 vorgestellten Reform-Vorschlag werden Veränderung des geopolitischen und wirtschaftlichen Umfelds genannt. Während die Bemühungen rund um den Klimaschutz fortgesetzt werden müssen, soll das EU-ETS modernisiert werden, um die Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit zu stärken. Die vorgeschlagene Reform umfasst mehrere Punkte: erstens soll der Linear Reduction Factor (LRF) aktualisiert werden. Dieser Faktor gibt vor, um wie viel Prozent die Anzahl der Emissionszertifikate im Folgejahr sinkt.
Von 2013 – 2020 betrug der Faktor 1,74% pro Jahr: Jedes Jahr wurden also um 1,74% weniger Zertifikate ausgestellt als im Vorjahr. 2021-2023 stieg der Wert auf 2,2%, 2024 wurde auf 4,3% festgesetzt. Ab 2028 sollte er ursprünglich 4,4% betragen.
Der LRF soll nun laut Vorschlag für den Zeitraum von 2031-2035 3,7% betragen und anschließend von 2036-2040 auf 1,7% sinken. Die Absenkung der Zertifikate erfolgt somit langsamer als ursprünglich vorgesehen. Für betroffene Industrien bzw. Betriebe bedeutet das eine Erleichterung. Die bisher geplanten Zielsetzungen werden damit aber aufgeweicht: Mehr Zertifikate bedeuten auch, dass für Unternehmen weniger Anreiz besteht, die eigene Dekarbonisierung voranzutreiben.
Zweitens soll eine Reform der Marktstabilitätsreserve (MSR) erfolgen. Mit der MSR werden Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage im EHS behoben. Werden Zertifikate nicht gekauft, verfallen sie nicht, sondern werden zurückgestellt. Das war beispielsweise bei der Wirtschaftskrise 2008 der Fall. Überschüsse von Zertifikaten führen auch zu niedrigeren Preisen. Bisher war die Zertifikat-Anzahl auf 400 Millionen begrenzt, danach wurden diese automatisch gelöscht. Diese Löschung soll künftig entfallen. Der MSR soll außerdem 2030 auslaufen – der Reformvorschlag sieht vor, die Laufzeit darüber hinaus zu verlängern.
Drittens soll vermehrt auf Investitionen gesetzt werden. Es soll eine „Industrial Decarbonisation Bank“ geben, die für die groß angelegte Dekarbonisierung der Industrie in Europa eingesetzt werden sollen. Die Mitgliedstaaten werden verpflichtet sein, 50% ihrer nationalen ETS-Einnahmen für Investitionen zur Dekarbonisierung der ETS-Sektoren auszugeben. Bisher stand es den Mitgliedstaaten frei, sämtliche ETS-Einnahmen in eine Vielzahl von klimafreundlichen Maßnahmen zu investieren, von der Dekarbonisierung des Verkehrs, über Anpassungsmaßnahmen wie den Hochwasserschutz bis hin zur Förderung gerechtem Wandels, und die Förderung klimafreundlicher Technologien für Haushalte mit geringem Einkommen. Bis 2030 sollen so Investitionen in Höhe von mehr als 100 Mrd. Euro getätigt werden.

Standort- vs Klimaschutz
Die vorgeschlagene Reform ist ambivalent. Auf der einen Seite werden durch die Anpassung des LRF und der MSR in Summe mehr Emissionszertifikate ermöglicht, als ursprünglich geplant. Auf der anderen Seite kann die Industrial Decarbonisation Bank durchaus dazu führen, dass verstärkt in emissionsärmere Technologien investiert wird. Das heißt also, dass die Menge an Emissionen zwar weiter reduziert wird, jedoch nicht so stark, wie ursprünglich geplant. Das bedeutet im Kern eine weniger ambitionierte Verfolgung der Klimaziele. Im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit ist die geplante Erhöhung der Emissionszertifikate im Vergleich zum eigentlich geplanten Verlauf verständlich: Die aktuelle geopolitische Lage, in der Zölle, versperrte Handelsrouten und sich ständig ändernde Bedingungen an der Tagesordnung stehen, ist nachvollziehbar, wenn man die eigene Industrie stärken will, indem man die Bedingungen, unter denen sie agieren muss, aufweicht. Denn genau das wird dadurch geschehen. Mehr Emissionszertifikate sorgen für weniger Dekarbonisierung, weil sich Unternehmen freikaufen können. Im Vergleich mit Industrien auf anderen Kontinenten, die solchen Bestimmungen nicht unterliegen, sind Emissionszertifikate natürlich nachteilig. Allerdings – und das ist der gegenläufige Aspekt – haben wir uns in Europa dazu verpflichtet, unsere Emissionen zu senken. Das betrifft alle Bereiche, so auch die Industrie. Die letzten von Hitze und Dürre geprägten Wochen haben uns einmal mehr gezeigt, dass der Klimawandel schon längst angekommen ist und für weitaus dramatischere Wirtschaftsschäden sorgt. Dass gerade jetzt Bestrebungen existieren, bereits etablierte Instrumente zur Emissionssenkung aufzuweichen, ist unverständlich.
Fazit
Die hier dargestellten Änderungen des Emissionshandels sind nicht final. Sie sind lediglich ein Vorschlag der EU-Kommission und müssen noch vom EU-Rat und EU-Parlament verhandelt werden. Klimaschutz und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit unter einen Hut zu bekommen, ist schwierig – insbesondere bei geopolitischen und wirtschaftlichen Änderungen, wie wir sie heute beinahe täglich in Form von Kriegen, Zöllen und vielem mehr erleben. Während einige Aspekte der vorgestellten Reform positiv auf die Gesamtemissionen wirken können, lassen andere das Gegenteil vermuten. Man kann sich aus der Verantwortung freikaufen – aus der Klimakrise im Gesamten allerdings nicht.