Öl und Gas prägen unsere Energieversorgung. Auch weltweit decken fossile Energien immer noch den Großteil der Stromerzeugung und des Energieverbrauchs. Lange Phasen der Stabilität und scheinbar erschwinglicher Energiepreise haben eine Illusion der Sicherheit um diese Energiequellen geschaffen und so die systemischen Risiken, die sich aus der Kombination unserer Abhängigkeit mit globalen Lieferketten und geopolitischen Konflikten in einer zunehmend zersplitterten Welt ergeben, immer wieder verschleiert. Doch genau diese Risiken stellen die Rolle fossiler Brennstoffe in den Energiesystemen der Zukunft zunehmend in Frage.
Warum Öl und Gas riskant sind
Die steigende Preisvolatilität macht klimaschädliche Energieträger zu einer Belastung für moderne Energiesysteme. Versorgungssicherheit – der unterbrechungsfreie Zugang zu verlässlicher und bezahlbarer Energie – ist mehr als eine bloße Frage der Verfügbarkeit. Sie hängt auch davon ab, wie stabil und widerstandsfähig die Versorgung auf erwartete und unerwartete Ereignisse reagiert. Volatilität, Unsicherheit und Preisschwankungen wirken sich deswegen negativ auf die Versorgungssicherheit aus. Öl und Gas werden allerdings zentralisiert gefördert, gelagert und verarbeitet, international gehandelt und über lange Transportwege bewegt. Dadurch entstehen Verwundbarkeiten. Deswegen unterliegt der globale Handel mit fossilen Rohstoffen einer Vielzahl an potenziellen Engpässen und Schwachstellen: der Meerenge von Bab el-Mandeb, dem Suezkanal, der Straße von Malakka, aber auch individuellen LNG-Terminals und Ölpipelines. Dass der Ausfall einzelner Lieferanten wie Russland oder Handelsrouten wie der Straße von Hormus schwerwiegende Auswirkungen auf die Verfügbarkeit, Preise und damit die Versorgungssicherheit hat, haben die letzten Monate eindrucksvoll gezeigt.

Wie Preise auf Erwartungen reagieren
Die Märkte warten nicht auf den Ernstfall. Oft reichen schon die Aussicht auf einen Konflikt oder die Befürchtung einer Lieferunterbrechung aus, um die Preise fossiler Energieträger in Bewegung zu setzen. Preisvolatilität – also starke und oft schwer vorhersehbare Preisschwankungen – entsteht deshalb nicht erst dann, wenn Öl- oder Gaslieferungen tatsächlich ausfallen. Kriege, Sanktionen, politische Spannungen oder Engpässe auf wichtigen Transportwegen verändern die Erwartungen von Händler*innen, Unternehmen und Investor*innen und beeinflussen damit Angebot und Nachfrage bereits im Vorfeld. Wird etwa erwartet, dass ein Konflikt die Ölförderung einschränken oder wichtige Transportrouten gefährden könnte, kaufen Händler*innen vorsorglich zusätzliche Mengen oder verlangen höhere Risikoprämien. Umgekehrt können Erwartungen einer schwächeren Weltwirtschaft die Nachfrageprognosen verändern und ebenfalls starke Preisbewegungen auslösen.
Empirische Studien bestätigen diesen Zusammenhang. Sie zeigen, dass geopolitische Risiken sowohl das Preisniveau als auch die Preisvolatilität von Öl erhöhen und dass dieser Zusammenhang in Zeiten internationaler Spannungen besonders stark ausgeprägt ist. Eine aktuelle Analyse für den Zeitraum 2010 bis 2022 weist zudem nach, dass ein Anstieg des geopolitischen Risikoindex (GPR) sowohl kurzfristig als auch langfristig mit einer höheren Volatilität des Ölpreises einhergeht.
Der GPR-Index erfasst geopolitische Spannungen anhand internationaler Medienberichte über Kriege, Konflikte zwischen Staaten und Terrorismus und erklärt einen signifikanten Teil der Schwankungen auf den Ölmärkten. Aber nicht nur geopolitische Schocks beeinflussen die Preise fossiler Energieträger. Auch Wetterereignisse oder Veränderungen der Fördermengen können Angebot und Nachfrage verschieben und damit erhebliche Preisschwankungen auslösen.

Volatilität und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen
Diese Preisvolatilität hat gravierende Auswirkungen. Egal ob Landwirtschaft, Industrie oder Dienstleistungen, Energie ist eine wichtige Ressource, die in allen Wirtschaftsbereichen benötigt wird. In den meisten Fällen ist es außerdem schwierig, den Energieverbrauch kurzfristig zu reduzieren, ohne gleichzeitig die Produktion zurückzufahren. Die Öl- und Gaspreise haben in Folge der Ukraine- und Iran-Kriege die Inflation – allen voran Sprit-, Heiz- und Lebensmittelpreise – empfindlich in die Höhe getrieben. Die von schwankenden Kosten für fossile Energieträger ausgelösten Preissteigerung haben inzwischen sogar ihren eigenen Namen: Fossilflation. Doch die Auswirkungen der jüngsten Energiepreisschocks gehen – vor allem in Südostasien – weit über solche Inflationsschocks hinaus. Auf den Philippinen wurde im März ein nationaler Energienotstand ausgerufen, in anderen Ländern wurde Energie rationiert, verpflichtende Home-Office Tage vorgeschrieben oder eine Vier-Tage-Woche für Beamte eingeführt. In Pakistan mussten Schulen, in Bangladesch Universitäten schließen, während Autos in Myanmar wegen des Treibstoffmangels nur jeden zweiten Tag gefahren werden durften. Verträge mit verschiedenen Lieferanten und Notfallreserven können solche Versorgungsrisiken teilweise abfedern. So haben Öl- und Gasreserven etwa in China, den USA und Europa Schlimmeres verhindert. Gänzlich vermeiden lassen sich die Folgen einer globalen Knappheit allerdings nicht, weil zugleich der Wettbewerb um die verbleibenden Rohstoffe steigt.
Die Erneuerbaren: eine verlässliche Alternative
Erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne brauchen keine Brennstoffimporte. Sie werden zwar oft als volatile Energieträger bezeichnet, sind aber nicht an geopolitische Schocks gekoppelt. Ganz im Gegenteil: Erneuerbare produzieren Strom unabhängig von Konflikten und Marktentwicklungen in anderen Teilen der Welt und dämpfen so deren Auswirkungen. Zwar sind auch die Erneuerbaren nicht vollständig von den Weltmärkten isoliert, insbesondere was Materiallieferketten für Windräder und PV-Module angeht, doch einerseits wirken sich diese Lieferketten nur auf Kraftwerkskomponenten aus – bestehende Kraftwerke produzieren weiter – und andererseits können diese Materialien auch lokal produziert werden. Darauf zielt auch der Net Zero Industry Act der EU ab, der bis 2030 ein Ziel von 40% für die Produktion der für die Klimaziele benötigten grünen Schlüsseltechnologien vorgibt. Die Wasserkraft ist dabei ein Paradebeispiel für eine weitgehend unabhängige Erzeugungstechnologie: Die meisten Komponenten sowie das Know-How kommen schon jetzt vor allem aus Österreich und der EU. Die Volatilität der Erneuerbaren liegt nicht an der Abhängigkeit von Weltmärkten, sondern am Wetter. Windräder drehen sich, wenn der Wind weht, Photovoltaik-Anlagen erzeugen Strom, wenn die Sonne scheint und Wasserkraftwerke laufen, solange genug Wasser fließt. Deswegen kann die Stromerzeugung einzelner Kraftwerke von Stunde zu Stunde variieren. Im Gesamtsystem fallen diese Schwankungen aber nur gering aus, weil sich unterschiedliche Standorte und Technologien gegenseitig ergänzen. Entscheidend ist daher nicht das einzelne Kraftwerk, sondern das Zusammenspiel der Anlagen im Stromsystem. Gibt es zu wenig Gas, kann kein einziges Gaskraftwerk Strom erzeugen. Windkraftwerke und PV-Anlagen fallen dagegen nicht im ganzen Land aus, nur weil es an einem bestimmten Ort gerade zu wenig Wind oder Sonnenschein gibt. Je mehr in die Erneuerbaren investiert wird, desto stabiler ist auch das Gesamterzeugungsprofil. Während die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen meist nicht direkt gesteuert werden kann, lässt sie sich zumindest gut vorhersagen. Erzeugungsschwankungen führen deswegen nicht zu abrupten Versorgungsausfällen, sondern können mit steuerbaren Technologien wie der Biomasse, Speicherkapazitäten und aktivem Flexibilitätsmanagement ausgeglichen werden. In Regionen wie Südaustralien oder Kanada wird die Stromnachfrage zeitweise schon jetzt ohne Probleme zu 100% durch Wind und Sonne gedeckt. ADie Kleinwasserkraft und ihr stabiles Erzeugungsprofil leisten auch hierzulande in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag.
Fazit
Kein Energiesystem ist frei von Risiken. Die entscheidende Frage ist, woher diese Risiken stammen. Während erneuerbare Energien wetterabhängig sind, bleiben fossile Energieträger dauerhaft von Brennstoffimporten, internationalen Lieferketten und globalen Rohstoffmärkten abhängig. Deshalb reagieren ihre Preise besonders empfindlich auf Konflikte, Sanktionen und Lieferunterbrechungen. Die eigentliche Volatilität moderner Energiesysteme liegt damit nicht bei Wasser, Wind und Sonne, sondern bei Öl und Gas. Jede zusätzliche Kilowattstunde aus erneuerbaren Energien verringert diese Abhängigkeit und macht das Energiesystem krisenfester. Sie ersetzt volatile Brennstoffkosten durch planbare Investitionen in Kraftwerke, Netze und Speicher – und verschiebt das Risiko von unkontrollierbaren Weltmärkten hin zu einer Infrastruktur, die wir selbst gestalten können.